Newsletter 4/2021

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Derzeit befinden wir uns nicht nur "zwischen den Jahren", sondern auch mitten in den Rauhnächten (21. Dezember, in manchen Regionen 24. Dezember bis 6. Januar). In diesen sind der Mythologie nach die Naturgesetze außer Kraft gesetzt. Ihren Ursprung haben die Rauhnächte in der vorgermanischen Zeit, als die Menschen in unseren Breitengraden noch heidnische Traditionen ausübten. Entstanden ist der Brauch vermutlich im Zusammenhang mit dem Lunarkalender. Dieser umfasst nicht 365 Tage wie unser Sonnenkalender sondern nur 354 Tage, da er sich an zwölf Mondzyklen orientiert. Zwischen dem Ablauf des einen und des andern Kalenders liegt also eine Zeitspanne: Die Rauhnächte.

Dann sind laut Mythologie die Grenzen zwischen unserer Welt und anderen Welten geöffnet. Um böse Geister zu vertreiben wurden in den Rauhnächten früher Häuser mit Weihrauch ausgeräuchert. In diesen Nächten sollen der Legende nach außerdem die Grenzen zwischen den Zeitebenen verschwimmen und ein Blick in die Zukunft möglich sein. Was wir in dieser Phase träumen, hat demnach große Chancen, im neuen Jahr wahr zu werden... Auch die Tiere in den Ställen sollen in besagten Nächten verrückt spielen und um Mitternacht in menschlicher Sprache sprechen. Mystisch wundervoll, oder?

Auch wir widmen uns heute natürlich wieder den Tieren - und zwar nicht nur den wilden, sondern diesmal vorallem unseren "domestizierten Wölfen" und ihren erstaunlichen Spürnasen.

Hocheffektive Spürnase (Foto: Baur)
Wenn ich mal groß bin, möchte ich Naturschutzhund werden!

Im letzten Newsletter versprach ich, meinen Naturschutzhund vorzustellen. Aber was ist eigentlich ein Naturschutzhund? Dies ist ein speziell ausgebildeter Spürhund, welcher im Dienste des Natur- oder Artenschutzes arbeitet: z.B. die Suche nach Kadavern rund um Windenergieanlagen, das Aufspüren von Fledermausquartieren oder die Identifizierung von Borkenkäfer-geplagten Fichten. Oder in unserem Fall: das gezielte Aufspüren von Losung (Kot) bestimmter Wildtierarten: Wolf, Luchs und Goldschakal. Als Verhaltensbiologin und Ökologin begleiten mich diese Tiere seit deren Pfoten sie wieder in ihre Heimat tragen. Insbesondere Wölfe rufen auf tiefenpsychologischen Ebenen vielfältigste Emotionen hervor – positiv wie negativ. Daher ist nicht nur die auf Fakten basierende Diskussion, sondern auch die Erinnerung an die natürliche Verbindung von Mensch zur Wildnis essentiell für eine friedliche Koexistenz. Wölfe sind – wie wir – Teil unseres Ökosystems und besitzen ein unanfechtbares Existenzrecht. Lediglich einen Wimpernschlag lang waren sie hierzulande verschwunden, ausgerottet durch menschliche Zerstörungswut, basierend auf einer durch und durch anthropozentrischen Weltanschauung. Nur dank zahlreicher Schutzmaßnahmen und einem andauernden Bewusstseinswandel konnten sie zurückkehren. Damit Wolf, Luchs und Co. jedoch dauerhaft in Bayern "Pfote fassen" können, benötigt es - neben einer breiten Akzeptanz - unbedingt flächendeckenden, professionellen Herdenschutz und intensive Unterstützung der WeidetierhalterInnen, weshald das Projekt LIFEstockProtect (www.lifestockprotect.info) gegründet wurde.

Und hier kommt meine Hündin Murmel ins Spiel: die freche Mischlingsdame aus Labrador und Australian Shepherd wird im Rahmen dieses EU-Herdenschutzprojektes als Spürhund für Wolf, Goldschakal und Luchs ausgebildet. Dies geschieht durch den österreichischen Verein „Naturschutzhunde“ (www.naturschutzhunde.at) und zusätzlich viel Training in Eigenregie. Die erste Zertifizierung haben wir bereits erhalten: die A-Prüfung - die Flächensuche nach den entsprechenden Zielgerüchen. Auf einer 0,5 ha großen Fläche werden 5 Geruchsquellen ausgebracht. Neben den Proben des Zielgeruchs müssen auch Geruchsquellen von mindestens einer anderen Tierart ausgebracht werden. Kommt der Hund zur Anzeige, dann muss er die Geruchsquelle punktgenau anzeigen und darf diese nicht manipulieren. Als nächstes steht der B-Teil an: Entlang einer 2 km langen Strecke werden 7-10 Geruchsquellen der zum Auffinden trainierten Tierart ausgelegt. Kommt der Hund zur Anzeige, dann muss die Hundeführerin die Lage des Fundes mit Hilfe einer GPS-Position beschreiben. Die allgemeine Beurteilung beinhaltet die Umsetzung der gestellten Aufgabe und die Zusammenarbeit mit dem Hund. Beim Hund werden in der allgemeinen Beurteilung die Selbständigkeit in der Suche, das Suchverhalten und die Beweglichkeit beurteilt. Beurteilungskriterien dafür sind, wie schnell und exakt der Hund anzeigt. Ist diese Hürde geschafft, ist das Team fertig zertifiziert und darf offiziell in den Einsatz gehen. Durch die sehr effektive Arbeit der Spürhunde (bei jedem Wetter und Gelände) können so genetische Proben im Rahmen des Monitorings die Anwesenheit großer Beutegreifer bestätigen, sowie deren Herkunft und Geschlecht offenbaren. Dies hilft z.B. WeidetierhalterInnen, zeitnah Schutzmaßnahmen einzuleiten oder kann - im Falle eines Risses - zur Klärung des Verursachers beitragen.

Frisch zertifiziertes Spürhundeteam (Foto: Baur)
Mehr Infos zu LIFEstockProtect (2020-2025) und Herdenschutz in Bayern

Das Ziel des länderübergreifenden Herdenschutzprojektes LIFEstockProtect ist, optimierte Herdenschutzmaßnahmen im deutschsprachigen Alpenraum umzusetzen. Das 5-jährige EU-Projekt findet in Österreich, Deutschland und Italien statt. Im Fokus stehen Zusammenarbeit mit LandwirtInnen und Wissensvermittlung zum Thema Herdenschutz. Durch professionelle Aus- und Weiterbildung wird mit LandwirtInnen z.B. korrekter Zaunbau und der Einsatz von Herdenschutzhunden optimiert. Dazu werden 20 Herdenschutz-Kompetenzzentren in den drei Projektländern entstehen, in denen Schulungen und Workshops für LandwirtInnen, HirtInnen und HerdenschutzberaterInnen stattfinden. Intensive Öffentlichkeits- und Medienarbeit spielt eine zentrale Rolle bei der Reduktion von Konflikten zwischen Menschen und großen Beutegreifern. Die NATURSCHUTZHUNDE bilden für das Projekt mindestens 20 Spürhunde für den Nachweis von Wolfsvorkommen und anderen großen Beutegreifern aus. Durch den Nachweis von Kot-Spuren und Rissbegutachtungen werden wichtige Daten gesammelt und Nachweise ermöglicht, die in allen Regionen des Projekts präventives und frühzeitiges Handeln im Herdenschutz ermöglichen. Nutztierhalter, deren Flächen innerhalb einer Förderkulisse liegen, können hier Material- und Montagekosten für die Einrichtung wolfsabweisender Zäune zu 100 % gefördert bekommen. Anträge sind bei den zuständigen Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zu stellen: Fördermöglichkeiten und Anträge. Schäden, die Nutztierhaltern durch Wolfsrisse entstehen, können durch den Freistaat Bayern ausgeglichen werden. Weitere Informationen dazu bietet das Bayerischen Landesamts für Umwelt: Ausgleichszahlungen und Schadensermittlung.

Bayern Scat Dog Team (Foto: Gomringer)
Luchs News: Could it be love?

Ende November 2021 geschah ein seltenes Ereignis: eine Fotofalle im Fichtelgebirge (Landkreis Bayreuth) erfasste zwei Luchse gleichzeitig. Die Aufnahme zeigt das dort im Sommer 2020 freigelassene Weibchen "Julchen", zum anderen den Luchskuder "Finn". Er ist ein Junges der Luchsin "Fee", die bereits seit 2016 im Steinwald lebt und des Kuders "Ivan", der 2018 aus dem Harz zugewandert war und 2020 bei einem Jagdunfall getötet wurde. Gemeinsam hatten sie das erste Mal 2020 reproduziert. Hier geht’s zum Artikel inkl. Beweisfoto <3

Jungluchse im Bayerischen Wald (Foto: Baur)
Goldschakal News: Erste Reproduktion in Deutschland

Auch bei den Goldschakalen kam es zu Liebeleien: In Baden-Württemberg ist nach Angaben des Landesumweltministeriums im Herbst 2021 erstmals Nachwuchs in Deutschland nachgewiesen worden. Eine genetische Untersuchung von Kotproben hat ergeben, dass es eine Familiengruppe mit einem Vater und mindestens zwei Welpen gibt.

Mehr Infos hier!

Goldschakal (Foto: AdobeStock)
Buchtipp
DEUTSCHLANDS WILDER OSTEN
Im Land von Kranich, Wolf und Adler
Axel Gomille

Das Ende der DDR war auch für die Natur ein Glücksfall. In der Übergangsphase nach dem Mauerfall wurden große Naturräume unter Schutz gestellt und es traten einige neue Gesetze in Kraft. Bedrohte Tiere begannen sich zu erholen, verschwundene Arten kehrten zurück. Heute bevölkern wieder Kraniche, Wölfe, Seeadler und viele andere seltene Wildtiere Deutschlands Natur zwischen Ostseeküste und Sächsischer Schweiz. Es sind einzigartige Erfolgsgeschichten, wie man sie hierzulande im Naturschutz nur selten erlebt. Der Bildband DEUTSCHLANDS WILDER OSTEN begibt sich auf Spurensuche nach unseren beeindruckendsten Wildtieren und zeigt zudem die historischen Ereignisse auf, die die Grundlage für die Schaffung der Nationalparks und weiterer Schutzgebiete im Osten Deutschlands waren. Der renommierte Naturfotograf und Zoologe Axel Gomille hat diese Entwicklung vor und nach der Wende bis heute miterlebt. Seine außergewöhnlichen Fotos aus freier Natur und kenntnisreichen Texte präsentieren eine faszinierende Wildnis mitten in Deutschland.
 

 

 

In diesem Sinne wünschen wir vom Team Bayern wild und Tatort Natur noch wunderbare Rauhnächte (achtet auf Eure Träume..) und einen tierisch guten Rutsch ins neue Jahr!

Eure Franzi Baur mit Murmel

 
Bayern Wild Newsletter
16. Januar 2022
 
 
 
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